Angriff aufs Ohr

Angriff aufs Ohr

Amerikanische Behörden behaupten, in Kuba stationierte Diplomaten seien mit einer neuartigen, nicht hörbaren «Schallwaffe» attackiert worden. Mehrere Personen hätten einen Hörverlust erlitten und das Land verlassen müssen. Wie glaubhaft ist das?

Mehrere amerikanische Diplomaten sollen während ihres Aufenthaltes an der Botschaft in Kuba Störungen des Hör- und Gleichgewichtsorganes bis hin zum Hörverlust erlitten haben. Das meldeten Ende vergangener Woche mehrere Agenturen und amerikanische Medien. Laut den Berichten waren die Symptome der in Havanna stationierten Diplomaten so gravierend, dass einige von ihnen das Land verlassen mussten.

Haben sich die Kubaner einer neuartigen Waffe bedient?

Nun steht der Vorwurf im Raum, dass die Diplomaten, die erst gegen Ende 2016 im Zuge der von Barack Obama initiierten Versöhnung zwischen den USA und Kuba nach Havanna entsandt worden waren, bewusst und vorsätzlich geschädigt wurden. Der amerikanische Untersuchungsausschuss jedenfalls kam zum Schluss, die Diplomaten seien mit einer hochentwickelten akustischen Apparatur attackiert worden, die ausserhalb des hörbaren Spektrums operiere. Diese Apparatur müsse innerhalb oder ausserhalb der von den amerikanischen Diplomaten genutzten Häuser aufgestellt worden sein. Prompt wiesen die USA zwei in Washington stationierte kubanische Diplomaten aus. Kuba wies die Vorwürfe entschieden zurück.

Kurz nachdem die Beschwerden der amerikanischen Diplomaten in Kuba bekanntgeworden waren, berichtete AP, dass auch mindestens ein Diplomat Kanadas aus Havanna abgezogen werden musste – und zwar ebenfalls wegen einer Schädigung des Gehörs. Die amerikanische Deutung der Ereignisse zeichnet ein Szenario, das in seiner Arglist einem Agentenfilm entnommen sein könnte. Wichtigstes Requisit: eine mysteriöse Waffe, die nicht tötet, nicht einmal wahrnehmbar ist, aber eine Reihe unspezifischer Symptome wie Übelkeit und Schwindel hervorruft, gepaart mit einem Hörverlust bis hin zur Taubheit. Ein Mittel also, Missliebige so gut wie spurlos zu vertreiben?

Ein Blick auf die wissenschaftlichen Grundlagen von Schallerzeugung und -ausbreitung enttarnt die Theorie von einer nicht hörbaren akustischen Attacke schnell als wenig plausibel. Zwar geistern hartnäckig Berichte von allerhand lautlosen Infraschallwaffen herum, zuweilen verziert mit schon fast magisch anmutenden Beschreibungen ihrer Wirkungsweise. Doch halten diese einer eingehenden wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand. «Selbst starker Infraschall hat keine nennenswerten Wirkungen; er entsteht beispielsweise, wenn man bei geschlossenen Fenstern schnell eine Zimmertür auf- und zumacht», sagt Jürgen Altmann, Experte für nichttödliche Waffen an der Technischen Universität Dortmund. Er könne sich keine auf Schallwellen beruhende Apparatur vorstellen, die zu den angeblichen Ereignissen in Havanna passe.

Mit Schallkanonen gegen Demonstranten

Grundsätzlich ist Schall nichts anderes als eine periodische Druckschwankung in der Umgebungsluft, die sich als Welle ausbreitet. Starke, hörbare Schallwellen können vorübergehend oder permanent das Gehör und das Gleichgewichtsorgan beeinträchtigen, bei ausreichend hohem Pegel reicht dafür auch eine kurze Einwirkung. Bei noch höheren Schalldruckpegeln, wie sie in Zusammenhang mit Explosionen auftreten, schädigt Schall auch andere Organe, allen voran die Lunge: Eine gerissene Lunge infolge einer nahen Explosion ist kein ungewöhnlicher Kriegstod.

Doch gibt es bis anhin nur einen Typ «Waffe», der auf Schallwellen beruht: das sogenannte «long range acoustic device», abgekürzt LRAD. Das Gerät, oft auch als «Schallkanone» bezeichnet, besteht aus einem sehr grossen Lautsprecher, der hörbare Schallwellen gerichtet aussendet – ähnlich wie ein Megafon. So lassen sich Sprache und Töne über grosse Distanzen übermitteln: Sprachbotschaften sollen mit einem LRAD etwa 500 Meter weit verständlich sein, laute Warntöne können bis über 1000 Meter weit reichen. Entsprechend kann ein LRAD einerseits für Lautsprecherdurchsagen verwendet werden, beispielsweise um auf hoher See von Schiff zu Schiff zu kommunizieren oder eine grosse Menschenmenge anzusprechen. Andererseits eröffnet das Gerät die Möglichkeit, mit schrillen, schmerzhaften Tönen Kontrahenten, Angreifer oder gar zivile Demonstranten ausser Gefecht zu setzen. Die Maximallautstärke eines LRAD liegt bei 140 bis 150 dB – das ist weit über der Schmerzschwelle des menschlichen Gehörs. Derart massive Attacken auf das Gehör versetzen den Körper in Alarmbereitschaft: Instinktiv greifen die Hände nach den Ohren, um sie zu schützen; man ergreift die Flucht, um dem Krach zu entkommen.

Quelle: NZZ.ch