Öffentliche Bewusstseins- und Traumforschung


Beschreibung

Bewusstsein (lateinisch „Mitwissen“ und altgriechisch „Miterscheinung“, „Mitbild“, „Mitwissen“, „Mitwahrnehmung“, „Mitempfindung“ und „bei Sinnen sein, denken“) ist im weitesten Sinne das Erleben mentaler Zustände und Prozesse. Eine allgemein gültige Definition des Begriffes ist aufgrund seines unterschiedlichen Gebrauchs mit verschiedenen Bedeutungen schwer möglich. Die naturwissenschaftliche Forschung beschäftigt sich mit definierbaren Eigenschaften bewussten Erlebens.

Bewusstsein auf höhere Ebene

Weitere Informationen

So lassen sich künftig ihre Träume beeinflussen

Forschern ist es gelungen, das Bewusstsein in Träume zu schleusen – und sie so zu steuern. Eine schwache elektrische Stimulation des Gehirns erlaubt es, aktiv ins Traumgeschehen einzugreifen.

Träumen kann so schön sein. Viele der ältesten Sehnsüchte und Wünsche der Menschen werden nur dort wahr. Wir können durch die Wolken fliegen, unter Wasser atmen oder die Gedanken anderer Menschen lesen. Aber auch Schreckliches passiert im Traum. Wir fallen immer wieder durch die gleiche Prüfung, werden von bösen Schatten verfolgt, verlieren Zähne oder fallen ins Bodenlose.

Das Wunderbare und Grausame an Träumen ist: Wir nehmen sie einfach hin. Im Traum hinterfragen Menschen nichts. Wir wundern uns nicht über Gesetze der Physik, deren Wirkung plötzlich aufgehoben ist. Wir zweifeln nicht, wenn uns unsere besten Freunde oder Partner im Traum hintergehen. Wir wundern uns nicht einmal darüber, wenn wir Mann statt Frau sind, vier Beine haben, oder im Traum sterben und danach einfach weiterleben.

Im Traum, so scheint es manchmal, spielt das Gehirn willkürlich Pingpong mit all dem Wissen, den Erfahrungen, Erinnerungen, Wünschen und den Ängsten, die in ihm gespeichert sind. Die meisten Träume sind Selbstläufer und nicht steuerbar. Erst nach dem Aufwachen kommt das Bewusstsein für Traum und Wirklichkeit wieder.

Sich einfach in Träume einloggen

Ganz selten aber, in Klarträumen, die auch luzide Träume genannt werden, schaltet sich der Verstand plötzlich in das Traumgeschehen mit ein. In solchen Klarträumen verbinden sich Elemente des höheren Bewusstseins, wie Selbstreflexion und abstraktes Denken, mit der Traumwelt, erklärt Ursula Voss von der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

„Der Schlafende wird sich darüber bewusst, dass er träumt, während der Traum weiterläuft“, schreibt sie mit ihren Kollegen im Fachjournal „Nature Neuroscience“. „Manchmal erlangt der Träumer dann sogar die Kontrolle über seinen Traum und schlägt etwa einen Angreifer in die Flucht.“ Das Team der Psychologin berichtet in der Veröffentlichung über ihre Studie aus dem Schlaflabor des Universitätsklinikums in Göttingen – und das, was sie mit den Träumen ihrer Probanden dort angestellt haben.

„Ich habe von Zitronenkuchen geträumt. Er sah irgendwie durchscheinend aus, aber dann auch wieder nicht. Es war ein bisschen so wie ein Zeichentrickfilm, wie bei den Simpsons. Dann bin ich plötzlich gefallen und die Szene veränderte sich. Ich sprach mit Matthias Schweighöfer und zwei Austauschstudenten. Und plötzlich merkte ich: Du träumst ja!“

Bei 40 Hertz wird ein Traum zum Klartraum

Dieser Klartraum einer Versuchsperson war kein natürlicher – die Wissenschaftler hatten ihn im Labor künstlich erzeugt. Aus früheren Studien wussten sie bereits, dass bei Klarträumen bestimmte Areale des Stirnhirns aktiver sind als das normalerweise im Traumschlaf, dem REM-Schlaf, der Fall ist. Das ist an sich nicht verwunderlich: In diesen Teilen des Gehirns werden abstrakte Denkvorgänge gesteuert und wichtige Informationen integriert und reflektiert, etwa bei schwierigen Entscheidungen.

Erstaunlich war aber die Erkenntnis früherer Untersuchungen, dass in diesen Arealen während des Klarträumens vor allem sogenannte Gammawellen im Frequenzband um 40 Hertz auftraten und sich diese stark synchronisierten. Gammawellen kommen nur sehr selten vor. Forscher kennen sie vor allem aus der fokussierten Meditation oder aus transzendenten Erfahrungen, etwa im religiösen Kontext.

Weder im Wachzustand, wo Alpha- oder Beta-Wellen die Norm sind, noch im normalen Traumzustand, der von Theta-Wellen gekennzeichnet ist, treten sie sonst auf. Vielleicht waren sie die Auslöser der Klarträume? Ursula Voss lud 15 Frauen und 12 Männer zwischen 18 und 26 Jahren vier Nächte lang in das Göttinger Schlaflabor ein. Keiner der Probanden hatte zuvor schon jemals einen Klartraum erlebt.

Stimulation ändert die elektrischen Hirnströme

Über drei Nächte beobachteten die Forscher zunächst das Schlaf- und Traumverhalten der Teilnehmer. In der vierten Nacht schließlich griffen sie ein, sobald die Schläfer in die Traumschlafphase gerutscht waren. Sie sendeten über Elektroden am Kopf schwachen elektrischen Strom durch den Schädelknochen hindurch in den Teil des Gehirns hinter der Stirn.

Diese transkranielle Wechselstromstimulation (tACS) kann in verschiedenen Frequenzen erfolgen und beeinflusst direkt die elektrischen Hirnströme. Die Wissenschaftler testeten jeweils verschiedene Frequenzen zwischen 2 und 100 Hertz, und weckten einige Sekunden nach der Stimulation die Schlafenden, um sie nach ihren Träumen zu befragen.

Und tatsächlich: Bei mehreren der Probanden hatte sich ihr kritisches Bewusstsein in die Träume geschlichen – und zwar immer dann, wenn Frequenzen zwischen 25 und 40 Hertz ihr Gehirn erreichten. Die meisten Klarträume, 77 Prozent, entstanden bei einer Frequenz von 40 Hertz. 58 Prozent traten bei einer Frequenz von 25 Hertz auf.

Woher man weiß, dass man gerade träumt

Bei zwei, sechs, zwölf, 60 oder 100 Hertz passierte hingegen nichts, außer dass das Traumgeschehen einfach weiterlief wie immer. Ob die Versuchsteilnehmer wirklich luzide Träume gehabt hatten, überprüften die Wissenschaftler, indem sie nach typischen Kennzeichen in den Beschreibungen ihrer Probanden suchten. Am häufigsten trat den Autoren zufolge ein Phänomen auf, das Dissoziation genannt wird.

Dabei tritt man im Traum aus der sonst typischen Ich-Perspektive und sieht sich selbst aus der Perspektive einer dritten Person. Aber auch vier weitere Merkmale luziden Träumens fanden sich: das Wissen darum, dass man gerade träumt, ein Gefühl der Realität, die bewusste Kontrolle über das Traumgeschehen und den Zugang zu dem Wissen, das man im Wachzustand hat.

„Unsere Ergebnisse demonstrieren erstmals einen veränderten Bewusstseinszustand durch induzierte Gamma-Schwingungen im Schlaf“, schlussfolgern die Forscher. Dass sich Klarträume derart künstlich stimulieren lassen, ist aber nicht nur ein unterhaltsamer Spaß.

Verfahren ließe sich auch für andere Probleme einsetzen

Für Menschen, die an chronischen Albträumen leiden, könnte dieses Verfahren eine Erlösung sein. Gerade Patienten mit posttraumatischen Belastungsstörungen leiden an wiederkehrenden intensiven Träumen, in denen sich das traumatische Ereignis wieder und wieder abspielt. Künstliche Klarträume könnten helfen, diese Albträume zu kontrollieren.

Ursula Voss zeigte sich optimistisch, dass mit der transkraniellen Wechselstrom-Stimulation womöglich auch anderen Patienten mit psychischen Problemen geholfen werden kann. Das Verfahren ließe sich auch mit anderen Frequenzen und in anderen Hirnarealen einsetzen, etwa um eine dysfunktionale Verbindung zwischen verschiedenen Hirnarealen wiederherzustellen, glaubt die Wissenschaftlerin.

Bislang ist das Stimulationsverfahren nur zu Forschungszwecken zugelassen. Sie halte es aber für unvermeidlich, so Voss, dass ein derartiges Gerät irgendwann auch für Verbraucher entwickelt werde, auch wenn sie persönlich nicht daran interessiert sei. Sie riet aber dazu, das Verfahren auch dann nur unter ärztlicher Aufsicht anzuwenden.

Quelle: Welt.de

Bewusstseinsforschung: Der Wille als Vorstellung

Die seltsamen Experimente des Benjamin Libet irritieren die Bewußtseinsforscher bis heute. Er öffnete Hirnschalen und blickte in Abgründe.

In Benjamin Libets Zimmer am Medical Center der University of California in San Francisco türmen sich die Bücher- und Papierstapel. Man fürchtet fast, der schmächtige ältere Herr werde eines Tages von diesem geballten Wissen erschlagen. "Seit ich emeritiert bin", entschuldigt sich Libet, "habe ich nur noch dieses kleine Büro." Seinen wachen, unkonventionellen Geist freilich hat der achtzigjährige Pionier der Hirnforschung nicht verloren. Und sein Urteil über die moderne Bewußtseinsforschung fällt wenig schmeichelhaft aus: "Wissen Sie, die meisten Theorien über das Bewußtsein sind ein wenig wie Religion - redliche Spekulationen, jedoch weder beweisnoch widerlegbar", spottet der Neurophysiologe und fügt ironisch hinzu: "Ich habe nichts gegen Religion, aber das ist nicht die Art, wie Wissenschaft funktioniert."

Benjamin Libet darf dies sagen. Schließlich kann er auf eine Reihe einzigartiger Experimente zurückblicken. Als einer der ersten Wissenschaftler griff er direkt in das Gehirn lebender Patienten ein, um herauszufinden, wie bewußte Wahrnehmung funktioniert. Die dabei gewonnenen Befunde waren freilich so paradox, daß sie die Hirn- und Bewußtseinsforscher bis heute beschäftigen: Libet zeigte, daß uns nur die wenigsten Wahrnehmungen tatsächlich bewußt werden - und wenn, dann auch noch mit Verspätung.

Der englische Physiker Roger Penrose meinte dazu, Libets Ergebnisse würden beweisen, daß der Mensch keinen freien Willen habe. Der Neurologe John Eccles und der Philosoph Karl Popper dagegen sahen ihre dualistische These bestärkt, daß der Geist nicht allein aus biologischen Gehirnvorgängen entstünde. Andere kritisierten Libets Befunde als irrational, und die Bewußtseinsphilosophin Patricia Churchland versuchte, seine Interpretation zu widerlegen.

Die Befunde selbst jedoch ließen sich nicht mehr wegdiskutieren. Vergleichbare Experimente vermißt Libet denn auch bei der derzeitigen Diskussion um Geist und Bewußtsein. Wortführer wie etwa Daniel Dennett würden ihre Philosophien entwickeln, ohne ein Gespür für experimentelles Design zu haben. Und junge Forscher beschäftigten sich vor allem mit molekularer Neurobiologie. "Natürlich sind Experimente zur bewußten Wahrnehmung schwierig", sagt Libet. "Man muß die richtigen Patienten finden, einen kooperativen Neurochirurgen und dann noch eine Frage stellen, die sich experimentell beantworten läßt."

Als Libet in den späten fünfziger Jahren mit seinen Experimenten begann, galt es überdies nicht als ,gute Wissenschaft', überhaupt so etwas wie Bewußtsein zu erforschen. "Wir hatten Schwierigkeiten, Fördermittel zu bekommen, und die Gutachter vom National Institute of Health meinten, wir sollten lieber das Funktionieren einzelner Nervenzellen studieren - absoluter Unsinn", amüsiert sich Libet heute.

Er interessierte sich mehr dafür, welche Art von Hirnprozessen nötig sei, um überhaupt eine bewußte Wahrnehmung hervorzurufen. Seinen wichtigsten Partner fand Libet in dem Neurochirurgen Bertram Feinstein, der in San Francisco Hirnoperationen unter lokaler Betäubung durchführte. "Feinstein öffnete also den Schädel, die Patienten lagen wach vor uns, und wir durften dreißig Minuten mit ihnen im Operationssaal experimentieren - eine ziemlich stressige Prozedur", erinnert sich Libet. Das etwas gruselig klingende, gleichwohl schmerzfreie Verfahren (dem die Patienten natürlich zuvor zugestimmt haben mußten) eröffnete jedoch eine einmalige Möglichkeit: Libet konnte so das frei liegende Hirn elektrisch reizen und gleichzeitig die Patienten fragen, was sie fühlten.

Meist handelte es sich um Parkinson-Kranke, denen Feinstein bei der Operation Elektroden ins Gehirn eingeführt hatte. Libet stimulierte ihren somatosensorischen Kortex und rief damit bei ihnen etwa den Eindruck hervor, als ob etwas ihre Hand berühre. Zu seiner Verblüffung stieß er allerdings auf einen unerwarteten Zeitfaktor: Libets Versuchspersonen gaben immer nur dann an, einen entsprechenden Reiz zu spüren, wenn die elektrische Stimulation im Hirn mindestens eine halbe Sekunde andauerte.

Bei wirklichen Hautreizen ist das anders. Wer sich einmal auf eine Reißzwecke setzte, weiß, daß er nicht erst eine halbe Sekunde Zeit braucht, um zu reagieren. Jeder Hautreiz sendet zunächst einen schnellen "primären" Nervenimpuls aus, der von der Großhirnrinde augenblicklich registriert wird. Körperliche Reaktionen (etwa das Aufspringen von der Reißzwecke) können daher prompt erfolgen. Doch wird der Reiz des Hinterteils dabei tatsächlich auch im Kopf bewußt? Libets Experiment legte nahe, daß dazu der Primärimpuls nicht ausreicht. Von jedem Hautreiz laufen jedoch mit einiger Verzögerung weitere "diffuse" Signale im Kortex ein, die den Weg über verschiedene Nervenbahnen nahmen. Erst wenn diese über eine halbe Sekunde lang eintreffen, erhält das Signal den Status einer bewußten Wahrnehmung.

Freilich stellte sich alsbald die Frage: Warum merken wir von dieser Verzögerung nie etwas? Eine Antwort fand Libet erst, als Bertram Feinstein in den sechziger Jahren begann, manchen Patienten winzige Elektroden auf Dauer ins Gehirn einzupflanzen, um damit ansonsten unheilbare Schmerzen zu behandeln. Mit diesen Patienten konnte Libet nun auch längere Versuchsreihen durchführen und genau bestimmen, zu welchem Zeitpunkt ein Reiz gefühlt wird.

So stimulierte er etwa zuerst die Haut und 400 Millisekunden später eine dazu korrespondierende Stelle im Kortex. Verblüffenderweise konnte er dadurch die erste Empfindung verstärken oder im Bewußtsein ungeschehen machen. Das war ein weiterer Beleg für die These, daß Hautreize erst nach einer "Aufbauphase" von einer halben Sekunde ins Bewußtsein gelangen.

Wurden jedoch nicht korrespondierende Stellen an Haut und Kortex gleichzeitig gereizt, so gaben die Patienten an, den Hirnreiz rund eine halbe Sekunde später wahrzunehmen. "Das gab uns den Schlüssel zur Erklärung", erzählt Libet heute. Denn bei den Kortexstimulationen entsteht nicht jenes Primärpotential, das bei jedem Hautreiz auftaucht. Wird es deshalb später wahrgenommen? Libet stellte die Hypothese auf, daß der anfängliche Impuls bei den Hautreizen die Rolle einer Zeitmarke spielt. Zwar muß die Erfahrung in jedem Falle eine halbe Sekunde andauern, um ins Bewußtsein zu treten. Mit Hilfe des Primärimpulses wird die Erfahrung dann jedoch zeitlich wieder zurückdatiert: Hautreize früher wahrgenommen als Kortexstimulationen, bei denen eine solche Zeitmarke fehlt.

Ähnelt unser Gehirn also einer Art Behörde, in der alle einlaufenden Reize eine Zeitlang bearbeitet werden müssen, um zur Geltung zu kommen? Und in der manche, die einen Eingangsstempel tragen, früher als andere wahrgenommen werden? Auch Libet gibt zu, daß dies eine "reichlich ausgefallene Hypothese" war. Um sie zu beweisen, verfiel er auf den raffinierten Einfall, die Patienten in einer bestimmten Schicht des Thalamus zu stimulieren. Anders als in der Hirnrinde werden dort nämlich starke Anfangsimpulse erzeugt - und prompt empfanden die Patienten sie als zeitgleich mit einer parallel dazu vorgenommenen Hautreizung.

"Unsere Arbeitshypothese hatte das zwar vorausgesagt, aber ich war doch sehr verwundert, als es wirklich so war", gibt Libet heute zu. Nicht nur daß unser Bewußtsein den tatsächlichen Geschehnissen um etwa eine halbe Sekunde hinterherhinkt - es sucht diese Verspätung auch noch mit einem raffinierten Trick zu verbergen. Als diese Erkenntnisse 1979 in der Zeitschrift Brain, einem der wichtigsten neurologischen Journale der Welt, veröffentlicht wurden, riefen sie verständlicherweise in der Fachwelt heftige Reaktionen hervor. "Subjektives Zurückverlegen in der Zeit - das hat ja kaum mein Chirurgenfreund Bertram Feinstein richtig verstanden", lacht Libet.

Noch frappierender freilich waren die Experimente, mit denen er in den späten siebziger Jahren den freien Willen auf den Prüfstand stellte. Dazu griff er auf eine Entdeckung der deutschen Neurologen Hans Kornhuber und Lüder Deecke zurück, die gezeigt hatten, daß vor einfachen Handlungen in den Hirnströmen eine Art Vorwarnung auftaucht, das langsam aufsteigende "Bereitschaftspotential". Diese Aktivität der Nervenzellen beginnt schon rund eine Sekunde bevor die Versuchspersonen etwa eine Hand oder einen Fuß bewegten.

Libet stellte nun die Frage, ob auch der Willensantrieb zu diesen Handlungen im voraus erlebt wird. "Das Problem war: Wann ist sich eine Person bewußt, daß sie sich bewegen will? Zuerst dachte ich, das sei nicht zu lösen. Die Leute können das ja nicht während des Versuches sagen, eben weil sie gerade eine Bewegung vorbereiten." Libet fand einen Ausweg. Er bat seine Versuchspersonen, eine schnell laufende Uhr im Blick zu behalten und sich den Zeitpunkt zu merken, an dem sie sich des Entschlusses, eine Hand zu heben, zum ersten Mal bewußt wurden. Gleichzeitig überwachte er ihre Hirnströme, um das Bereitschaftspotential zu messen. Ergebnis: Das Gehirn begann schon mehr als 0,3 Sekunden vor einem bewußten Entschluß, aktiv zu werden. "Offenbar ,beschließt' das Gehirn, die Handlung zu initiieren . . . bevor ein mitteilbares subjektives Bewußtsein vorliegt, daß ein solcher Entschluß gefaßt worden ist", schrieben Libet und seine Mitarbeiter 1983.

"Manche Leute interpretierten das dahingehend, der freie Wille sei eine Illusion", erzählt Libet heute. "Ich sage nur: Es zeigt, daß der freie Wille nicht den freiwilligen Akt initiiert. Die Handlung beginnt unbewußt - aber immerhin werden wir uns dessen bewußt, bevor wir sie tatsächlich ausführen. Uns bleibt immer noch Zeit, um die geplante Bewegung vor der tatsächlichen Ausführung zu stoppen."

Dennoch sind die Konsequenzen von Libets Experiment, wenn man sie ernst nimmt, drastisch. "Das Gehirn scheint eine Entscheidung getroffen zu haben, bevor die Person sich dessen bewußt ist", schrieb der amerikanische Philosoph Thomas Nagel. Und der dänische Wissenschaftsautor Tor Nörretranders zieht aus Libets Ergebnissen die Schlußfolgerung: "Dem Menschen wird nicht viel bewußt von dem, was er wahrnimmt; es wird ihm nicht viel bewußt von dem, was er denkt; es wird ihm nicht viel bewußt von dem, was er tut."

Sowohl Libets Experimente zum freien Willen als auch die anfänglich nachgewiesene Verspätung des Bewußtseins erschüttern jedenfalls nachhaltig den Glauben an unsere Fähigkeit zur bewußten Steuerung. Wir sind oft viel weniger Herr der Lage, als wir uns einbilden. Dazu fehlt in vielen Fällen auch schlicht und einfach die Zeit: "Zum Beispiel beim Tennis- oder Baseballspiel muß man in Millisekunden reagieren. Da kann man nicht darüber nachdenken, was man tut", sagt Benjamin Libet.

Trifft also nicht das bewußte Ich solche Entscheidungen, sondern ein größeres Selbst, das auch unbewußte Komponenten enthält, wie Tor Nörretranders meint? Diese These hat auch ihre Tücken. Warum werden nur jene Reize bewußt erlebt, die im Gehirn mindestens eine halbe Sekunde lang präsent sind? Offenbar verschafft sich unser Geist dadurch eine Art Filter, der verhindert, daß unser Bewußtsein mit unwichtigen, kürzeren Informationen überschwemmt wird. Doch die Verzögerungstaktik im Kopf läßt noch eine etwas andere Interpretation zu. "Das erlaubt anderen Hirnprozessen, die Natur einer Erfahrung zu verändern, bevor sie ins Bewußtsein dringt. Das gilt zum Beispiel, wenn eine Erfahrung emotional aufgeladen ist oder unserem Weltbild widerspricht", analysiert Libet. Seine nüchterne Schlußfolgerung: "Es gibt unbewußte Veränderer im Hirn, die versuchen, das Wahrgenommene in Übereinstimmung zu bringen mit dem, was wir gelernt haben."

Wenig schmeichelhaft. Ob solche Befunde sein Verhältnis zu seinem eigenen Gehirn verändert haben? "Ich war schon etwas verblüfft", gibt der Neurophysiologe zu. Doch dem alten Herrn blitzt dabei auch der Schalk aus den Augen. "Wissen Sie, der englische Biophysiker und Nobelpreisträger Archibald Vivian Hill wurde einmal gefragt, woher er wisse, wann er eine gute Idee habe. Und Hill antwortete: ,Wenn sie mir angst macht.'"

Quelle: Zeit.de

Man unterscheidet heute in der Philosophie und Naturwissenschaft verschiedene Aspekte und Entwicklungsstufen:

• Bewusstsein als „belebt-sein“ oder als „beseelt-sein“ in verschiedenen Religionen oder als die unbegrenzte Wirklichkeit in mystischen Strömungen.

• Bei Bewusstsein sein: Hier ist der wachbewusste Zustand von Lebewesen gemeint, der sich unter anderem vom Schlaf­zustand, der Bewusstlosigkeit und anderen Bewusstseinszuständen abgrenzt. In diesem Sinn lässt sich Bewusstsein empirisch und objektiv beschreiben und teilweise eingrenzen. Viele wissenschaftliche Forschungen setzten hier an; insbesondere mit der Fragestellung, auf welche Weise Gehirn und Bewusstsein zusammenhängen.

• Bewusstsein als phänomenales Bewusstsein: Ein Lebewesen, das phänomenales Bewusstsein besitzt, nimmt nicht nur Reize auf, sondern erlebt sie auch. In diesem Sinne hat man phänomenales Bewusstsein, wenn man etwa Schmerzen hat, sich freut, Farben wahrnimmt oder friert. Im Allgemeinen wird angenommen, dass Tiere mit hinreichend komplexer Gehirnstruktur ein solches Bewusstsein haben. Phänomenales Bewusstsein wurde in der Philosophie des Geistes als Qualia­problem thematisiert.

• Zugriffsbewusstsein: Ein Lebewesen, das Zugriffsbewusstsein besitzt, hat Kontrolle über seine Gedanken, kann Entscheidungen treffen und koordiniert handeln.

• Bewusstsein als gedankliches Bewusstsein: Ein Lebewesen, das gedankliches Bewusstsein besitzt, hat Gedanken. Wer also etwa denkt, sich erinnert, plant und erwartet, dass etwas der Fall ist, hat ein solches Bewusstsein. In der Philosophie des Geistes wurde es als Intentionalitäts­problem thematisiert.

• Bewusstsein des Selbst: Selbstbewusstsein in diesem Sinne haben Lebewesen, die nicht nur phänomenales und gedankliches Bewusstsein haben, sondern auch wissen, dass sie ein solches Bewusstsein haben.

• Individualitätsbewusstsein besitzt, wer sich seiner selbst und darüber hinaus seiner Einzigartigkeit als Lebewesen bewusst ist und die Andersartigkeit anderer Lebewesen wahrnimmt. Man trifft es beim Menschen und andeutungsweise im Verhalten einiger anderer Säugetierarten an.


Schreiben Sie uns einen Beitrag

Auf dieser Webseite finden Sie Informationen zum Thema Bewusstseinskontrolle:
Weiterführende Links: Grundwissen | Wissenschaft | Recherchen